Home » Diagnose Krebs » Gute Prognosen beim Multiplen Myelom
Krebs

Gute Prognosen beim Multiplen Myelom

krebs
krebs
iStock.com /PatriciaEnciso

Jährlich erkranken in der Schweiz über 40 000 Frauen und Männer an Krebs, 16 700 Menschen sterben an dieser Krankheit. Erfreulicherweise ist die Sterblichkeit bei den meisten Krebsarten rückläufig, dies vor allem wegen der Fortschritte in der Forschung.

avatar

Prof. Dr. med. Christoph Driessen

Chefarzt Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, Kantonsspital St.Gallen

avatar

Florin Rupper

Präsident Myelom Kontaktgruppe Schweiz MKgS

Eine Multiple Myelom Erkrankung beginnt meist relativ unspezifisch. Manche Patienten verspüren gar keine Symptome und die Erkrankung wird im Rahmen einer Routineuntersuchung festgestellt. Andere wiederum leiden unter Rückenschmerzen, Knochenbrüchen, Müdigkeit, Anämie, Übelkeit, Appetitlosigkeit oder Atembeschwerden.

Rahel Müller hatte jahrelangen starke Rückenschmerzen, die Ärzte gingen von einem Bandscheibenvorfall aus. «Da heute viele Menschen an Rückenschmerzen leiden, dachte niemand bei einer Frau unter 50 Jahren an eine bösartige Krankheit. Man sparte sich das MRI und ich bekam immer wieder Physiotherapie verschrieben», erzählt sie.

Erst als die damals 49jährige im April 2017 psychisch und physisch völlig fertig war mit den Nerven, starke Anämie aufwies und die Rückenschmerzen noch schlimmer wurden, machte ihr Arzt ein MRI. Diagnose: Multiples Myelom, Phase III, sehr fortgeschritten. Für Rahel Müller war die Diagnose Schock und Erleichterung zugleich: «Endlich hatte meine jahrelange Leidensgeschichte einen Namen und ich konnte nicht mehr als Simulantin abgestempelt werden.»

Über die Multiple Myelom Erkrankung wusste sie zu diesem kaum etwas. “Ich hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Ich gehörte mit meinem Alter statistisch gesehen nicht zur Risikogruppe und habe immer gesund gelebt. Warum also ich?»

Unbekannte Erkrankung

Tatsächlich ist das Multiple Myelom, obschon es der zweithäufigste Blutkrebs ist, relativ unbekannt. “Multiples Myelom heisst wörtlich übersetzt: viele Tumoren im Knochenmark.

Die Immunzellen im Knochenmark, welche Antikörper produzieren (Plasmazellen), verändern und vermehren sich unkontrolliert”, erklärt der Onkologe und Hämatologe Prof. Dr. Christoph Driessen, Chefarzt der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St.Gallen.

Die Folge: Die entarteten Plasmazellen bilden vielfache Zellhaufen im Knochenmark, verhindern die normale Bildung von Blutzellen und zerstören die Knochen. Umgangssprachlich wird die Krankheit auch als “Knochenmarkkrebs” bezeichnet.

Langzeitüberleben immer häufiger

Die Prognose für das Langzeitüberleben hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. “Zu verdanken haben wir das neuen Therapiemöglichkeiten.

Heute haben wir Patienten, die zehn Jahre und länger mit der Erkrankung leben”, betont Prof. Driessen.

Das mittlere Überleben vom Zeitpunkt der Prognose ist mit sechs Jahren angegeben, Tendenz steigend. Dabei durchlaufen die Patienten verschiedene Stufen der Behandlung.

Nach der Diagnose muss zunächst festgestellt werden, ob eine Therapie zum gegebenen Zeitpunkt überhaupt notwendig ist, oder ob noch abgewartet werden kann. Bei Rahel Müller stand von Anfang an fest, dass sie eine Hochdosistherapie erhalten sollte. «Die Vortherapien schlugen zwar an, aber nicht besonders gut. Meine Myelomzellen waren ziemlich aggressiv», erzählt sie. Die Hochdosis-Chemotherapie greift im Gegensatz zur herkömmlichen Chemotherapie die blutbildenden Stammzellen im Knochenmark stärker an.

Da der Körper nach der Hochdosis-Chemotherapie die zerstörten Blutzellen nicht selber bilden kann, ist eine Transplantation von vorher beim Patienten gewonnenen gesunden Knochenmark-Stammzellen notwendig. Bei Rahel Müller zeigte diese Therapie keinen Erfolg, es wurde bei der nächsten Knochenmarkpunktion sogar festgestellt, dass die Infiltration noch gestiegen war.

Dies hatte zur Folge, dass Rahel Müller sofort mit der nächsten Therapie beginnen musste. “Die Herausforderung für uns Ärzte ist es herauszufinden, wer auf welche Therapie anspricht”, so Prof. Driessen. Neue Analysetechniken werden in Zukunft ermöglichen, dass die genetischen Veränderungen erkannt werden und man die Patienten gezielter behandeln kann.

Angesprochen hat Rahel Müller dann auf eine Kombination aus modernen, zielgerichteten Krebsmedikamenten und der Antikörpertherapie. Letztere bewirkt, dass das Immunsystem Myelomzellen abtötet. “Heute geht es mir gut, ich habe nur wenige Nebenwirkungen und vergesse manchmal, dass ich eine potenziell tödliche Krankheit in mir trage.”

Verschiedene Phasen der Erkrankung

Laut Prof. Driessen durchläuft die Erkrankung verschiedene Phasen. Nach der Erstlinienbehandlung mit Chemotherapie, manchmal auch Stammzelltransplantation, folgt eine Remissionsphase, in der die Patienten häufig leben wie zuvor. Diese dauert statistisch gesehen etwa vier Jahre, bis sich erneut Symptome und ein Wiederauftreten der Erkrankung zeigen.

Danach folgt die sogenannte Zweitlinientherapie mit Kombinations-Chemotherapie sowie neuen Medikamenten. Im Verlauf der weiteren Erkrankung verändern sich die Zellen jedoch irgendwann so, dass sie nicht mehr empfindlich reagieren auf die Medikamente. “Ab diesem Zeitpunkt sind unsere heutigen Behandlungsmöglichkeiten bald ausgeschöpft”, so Prof. Driessen.

Was hat Rahel Müller geholfen, einen Weg mit ihrer Krankheit zu finden? “Kurz nach der Diagnose habe ich mich der Myelom Kontaktgruppe Schweiz (MKgS) angeschlossen. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft, gleichzeitig bekomme ich viele wertvolle Informationen.” Florin Rupper lebt seit vier Jahren ebenfalls mit der Myelomerkrankung und ist Präsident der MKgS.

Er sagt: “Unsere Aufgabe ist es, Myelompatienten zu unterstützen und zu informieren. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Patienten nach der Diagnose ein riesiges Informationsbedürfnis haben.” Da die Situation auch für das Umfeld schwierig ist, werden die Angehörigen miteinbezogen.

Rahel Müller hat die Krankheit zum Anlass genommen, heute das zu tun, wozu sie früher nie Zeit hatte. “Ich habe ein eigenes Atelier, in dem ich male und schreibe, spiele Theater und mache Sport. Ich habe meine Krankheit als einen Teil von mir akzeptiert und hoffe, dass es mir noch lange gut geht.”

«Von Myelom-Betroffenen für Myelom-Betroffene»

Die Myelom Kontaktgruppe Schweiz versucht, durch Informationen, in schriftlichen, telefonischen und persönlichen Kontakten unter Betroffenen und mit Ärzten, das Leben für Patienten mit Multiplem Myelom und ihren Angehörigen zu verbessern.

Next article