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Geschlechtskrankheiten

Syphilis, Tripper & Co – Ein Rundumschlag unter der Gürtellinie

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Unsplash.com Thomas Verbruggen

Dr. Christian Greis und Prof. Dr. Stephan Lautenschlager sprechen über die aktuellen Trends auf dem Gebiet der Geschlechtskrankheiten. Beide wurden im vergangenen Jahr von der International Union of Sexually Transmitted Infections (IUSTI) für ihre Arbeiten im Bereich der sexuell übertragbaren Erkrankungen ausgezeichnet. 

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Dr. med.
Christian Greis, MBA

Assistenzarzt an der Klinik für Dermatologie, Universitätsspital Zürich 

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Prof. Dr. med. Stephan Lautenschlager

Chefarzt am Dermatologischen Ambulatorium, Stadtspital Triemli 

Aktuelle Zahlen zeigen eine Zunahme von Geschlechtskrankheiten, was sagen Sie zu diesem Trend?

Christian Greis (CG): Tatsächlich beobachten wir in der Schweiz, aber auch im Rest von Europa, steigende Fallzahlen an sexuell übertragbaren Erkrankungen. Hierzulande finden sich die meisten Infektionen in der Grossregion Zürich und in der Genferseeregion. Natürlich spiegelt sich in diesem Trend auch eine Zunahme der durchgeführten Testungen wider.

Stephan Lautenschlager (SL): Seitdem über die letzten zwei Jahrzehnte die HIV-Therapie eingeführt wurde, kann wieder ein erhöhtes Risikoverhalten beobachtet werden. Wir verzeichnen eine schwindende Bereitschaft Kondome korrekt und regelmässig zu verwenden und eine Unkenntnis der Risiken bei orogenitalen Kontakten sowie Verwendung von Sextoys. Auch ist die durchschnittliche Anzahl an Sexualpartnern im vergangenen Jahrzehnt gestiegen – nicht zuletzt aufgrund der Verwendung neuer sozialer Medien (z. B. Datingapps).

Sollte es nicht mit neuen Medikamenten möglich sein, Geschlechtserkrankungen besser in den Griff zu bekommen?

CG: In der Tat stehen uns z. B. bei einer Infektion mit HIV neue Medikamente zur Verfügung, die sehr positive Krankheitsverläufe zeigen. Anderseits haben wir bei relativ häufigen Erkrankungen wie der Gonorrhoe (Tripper) das Problem, dass bisher verwendete Antibiotika zunehmend unwirksam sind. In den letzten Jahren ist es weltweit zur Ausbreitung von Bakterien-Stämmen mit verminderter Empfindlichkeit und auch Resistenzen gegen bisher wirksame Antibiotika (v. a. Azithromycin) gekommen.

SL:  In Asien exsistieren mehr resistente Keime als in Europa. Überwachungsdaten aus nordeuropäischen Ländern zeigen, dass ¼ der Gonorrhoefälle reiseassoziiert sind, die Hälfte davon wurde in asiatischen Ländern erworben. Auch andere hartnäckige und neu zu beobachtende Geschlechtskrankheiten, wie die Tinea genitalis (Hautpilz im Genitalbereich), werden vielfach aus tropischen Ländern importiert.

Wie erkenne ich, dass ich an einer Geschlechtskrankheit leide bzw. dass ich sogar eine aus dem Urlaub mitgebracht habe?

SL: Eine Reihe unterschiedlicher Symptome können nach Risikokontakt auf eine Geschlechtskrankheit hinweisen. So kann z. B. bei einer Syphilis neben einer offenen Stelle im Genitalbereich auch ein unscheinbarer Hautauschlag verteilt über den gesamten Körper Anzeichen für eine Infektion sein. Der anschliessende Beweis erfolgt durch weiterführende Diagnostik beim Arzt (z. B. durch Abstrich, Mikroskopie und Blutuntersuchungen).

CG: Häufig werden orale sowie anale Veränderungen vom Patienten primär nicht einer Geschlechtskrankheit zugeordnet oder nicht wahrgenommen. Auch können Infektionen nicht selten komplett ohne Symptome verlaufen. Beispielsweise verläuft die Gonorrhoe bei Frauen in etwa der Hälfte der Fälle asymptomatisch und somit über Monate unbemerkt. Speziell Racheninfektion verursachen praktisch nie Beschwerden.

Wie kann ich mich verhalten, um das Risiko einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten?

CG: Jeder sexuell Aktive kann sich mit einer Geschlechtskrankheit infizieren. Generell sollte bei jeglicher Art von Geschlechtsverkehr ein Kondom genutzt werden, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Die Gefahr einer Ansteckung steigt mit der Anzahl an wechselnden Sexualpartnern, insbesondere bei anonymen Kontakten und im Sexgewerbe.

Nach Risikokontakten ist eine ärztliche Abklärung empfehlenswert. Sollte im Rahmen einer festen Partnerschaft auf ein Kondom verzichtet werden, empfehlen wir vorhergehend eine Screening-Untersuchung beider Partner auf die häufigsten sexuell übertragbaren Erkrankungen durchzuführen. Die Kosten für solche Tests sind jedoch nach wie vor eine wesentliche Hürde, gerade bei Personen mit niedrigem Einkommen.

SL: Trotz Verwendung von Kondomen kann es durch direkten Haut-Kontakt oder indirekte Schmierinfektionen zur Übertragung von Erregern kommen. Weit verbreitet sind einerseits die Herpes-Viren, andererseits die Humanen Papillomviren (HPV), welche häufig asymptomatisch verlaufen.

Je nach Unterform können HPV-Viren neben harmlosen Genitalwarzen aber auch bösartige Krebserkrankungen hervorrufen. Speziell diese Viren können – neben Hepatitis B – präventiv mit einer ausgezeichnet wirksamen und sehr gut verträglichen Impfung angegangen werden, die seit diesem Jahr verfügbar ist und sogar die wichtigsten 9 HPV-Typen enthalten.

CG: Bei Nachweis einer sexuell übertragbaren Erkrankung sollten unbedingt die letzten Geschlechtspartner informiert und ggf. mitbehandelt werden, um eine weitere Verbreitung aber auch erneute Ansteckung (Ping-Pong-Effekt) zu vermeiden.

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