Home » Multiple Sklerose » An den eigenen Träumen festhalten
Multiple Sklerose

An den eigenen Träumen festhalten

zVg

Zehn Jahre nach der Diagnose Multiple Sklerose hat Lori Schneider anlässlich des ersten Welt-MS-Tages eine Flagge auf dem Gipfel des Mont Everest gehisst. Die Aktion habe ihr geholfen, an ihre Stärken zu glauben und über ihre Angst hinwegzukommen, erzählt sie.

Gewaltige schneebedeckte Berge zeichnen den Himalaya, den höchsten Berg der Erde aus und bilden das berühmte Dach der Welt. Kein anderer Berg übt auf die Menschen eine derart grosse Faszination aus.

Anzeige

Unzählige Bergsteiger und ein paar Bergsteigerinnen haben diesen Berg unter höchsten Anstrengungen erklommen. Eine von ihnen, Lori Schneider, gelang dieses Unterfangen im Jahre 2009, damals im Alter von 52 Jahren – und als MS-Betroffene.

Zuerst ist eine Welt zusammengebrochen

Rückblick ins Jahr 1999: Eines Morgens machten ihre Beine beim Training auf dem Laufband plötzlich nicht mehr richtig mit. „Mein Fuss fühlte sich an, als ob er schlief. Zudem kribbelte es“, erinnert sich die heute in Wisconsin (USA) lebende Frau.

Als sie begonnen habe, sich zu bewegen, umklammerte dieses taube Gefühl die gesamte rechte Seite ihres Körpers. Diverse Untersuchungen folgten. „Ich geriet in Panik, als mir die Ärzte schliesslich mitteilten, dass ich unter Multipler Sklerose leide“, erzählt sie.

Es habe sich angefühlt, als würde eine Welt in ihr zusammenbrechen. Zudem sei grosse Angst aufgekommen, vor allem weil die Krankheit schnell voranschritt. „Ich befürchtete das Schlimmste, als die Ärzte prognostizierten, ich könnte eines Tages im Rollstuhl sitzen.“

Beruflich zog sie schnell ihre Konsequenzen und kündigte die Stelle. 20 Jahre lang hatte sie Grundschulunterricht erteilt und auch mit geistig sowie körperlich behinderten Kindern gearbeitet. „Mein Ziel als Lehrerin war, Kindern zu helfen, an sich zu glauben und keine Angst zu haben, es zu versuchen.“ Nun befand sie sich plötzlich selbst in einer vergleichbaren Situation.

Sie schmiedete Pläne und wollte diese verwirklichen, solange ihre Beine noch mitmachten. Lori Schneider war entschlossen, das Beste herauszuholen. Sie liess ihr altes Leben hinter sich und holte sich neues Selbstvertrauen durch Marathonläufe und Bergsteigen. Sie hat inzwischen alle höchsten Gipfel auf allen Kontinenten bestiegen.

„Stolz auf mein Schweizer Erbe“

„Das Bergsteigen gab mir sowohl geistig wie körperlich Kraft“, sagt die heute 62-jährige Amerikanerin mit Wurzeln in der Schweiz. „Die Familie meines Grossvaters stammte ursprünglich aus Bern. Ich bin sehr stolz auf mein Schweizer Erbe!“, macht sie ein bisschen Werbung für unser Land.

Als bei ihr MS diagnostiziert worden sei, habe sie praktisch nichts über diese Krankheit gewusst. „Ich kannte nur eine Person mit MS, und die sass im Rollstuhl.“ Lori Schneider dachte, dass sie viele geliebte Aktivitäten nicht mehr ausüben könne. Doch sie habe sich geirrt. „Wir müssen Wege finden, um etwas fortzusetzen, das uns wichtig ist, auch wenn sich die Art und Weise ändert.“ Seit 20 Jahren lebe sie nun mit MS und sie habe ihre innere Stärke wiedergefunden. „Es ist möglich, auch mit MS ein glückliches Leben zu führen.“

„Das Leben nicht mit Sorgen verschwenden“

Die Vorzeichen mögen unterschiedlich sein, aber alle Menschen müssten in ihrem Leben immer wieder Hindernisse überwinden und mit Schicksalsschlägen umgehen lernen. Das könnten Krankheiten, aber auch emotionale Probleme oder finanzielle Schwierigkeiten sein. „Wir sollten unser Leben nicht mit Sorgen verschwenden,“ lautet ein Credo.

Und ein anderes: „Wenn wir an etwas glauben, können wir es auch erreichen.“ Eine spezielle Herausforderung wurde an sie im Jahre 2009 herangetragen. „Ich wurde gebeten, eine Flagge für den ersten Welt-MS-Tag zum Gipfel des Mount Everest zu tragen“, berichtet sie. Als sie oben angekommen sei, fühlte sie sich völlig erschöpft und habe auch unter Erfrierungserscheinungen gelitten. Doch es gelang ihr, die Fahne trotz Wind und Sturm zu hissen. Sie wollte der Welt zeigen, dass das Leben auch bei einer schweren Erkrankung wie einer MS nicht zu Ende ist. „Es war mir eine Ehre, auf MS aufmerksam zu machen und Betroffenen eine Stimme zu geben.“ Sie habe den Berg für alle erklommen. Den Mount Everest zu besteigen, half ihr, „über die lähmende Angst von MS hinweg zu kommen und an ihre Stärken zu glauben“.

Sie hoffe, dass diese Aktion auch anderen Menschen Mut macht, dass sie ihre innere Stärke finden. Dieses Ziel verfolgt sie mit ihrem Unternehmen „Empowerment Through Adventure“ („Stärkung durch Abenteuer“). Sie reise um die ganze Welt, spreche mit Gruppen und erinnere Menschen daran, an sich selbst zu glauben. Und sie appelliere an die Menschen, sich nicht an ihre Ängste zu klammern, sondern sich selbst herauszufordern und ihre Träume zu leben.

Zustand heute stabil

Ihren körperlichen Zustand bezeichnet Lori Schneider heute als stabil. Sie sei froh, dass ihr Körper durch Bewegung gestärkt worden sei. Beim Bergsteigen mache sie langsame gezielte Schritte, damit sich ihr Körper an die Höhe anpassen könne. Zudem lege sie möglichst viele Pausen ein, trinke viel Flüssigkeit und versuche sich ausgewogen sowie gesund zu ernähren. Grossen Wert lege sie zum Beispiel auf Omega-Öle aus Fischquellen. Zudem beschränke sie den Zuckerkonsum und stelle bei Lebensmitteln nach Möglichkeit auf Bioprodukte um.

Neben einer gesunden Ernährung sowie viel Bewegung hätten ihr auch Akupunktur, Vitamin D3 sowie Kalzium und gewisse Nahrungsergänzungsmittel geholfen, MS in Schach zu halten. MS müsse allerdings von Fall zu Fall unterschiedlich behandelt werden. Was bei einem Betroffenen funktioniere, nütze bei anderen nichts. „Der Schlüssel ist eine sorgfältige Überwachung durch einen Neurologen.“ Und zu guter Letzt: Viel Kraft geben ihr täglich auch ihre Familie, Freunde und andere MS-Betroffene. Die Unterstützung des Umfelds sei sehr wichtig und wertvoll.

Wie eine kleine graue Wolke

Eine MS-Erkrankte hat ihren Zustand einmal so beschrieben: „MS ist immer da, aber nur als kleine graue Wolke am blauen Himmel und nicht als grosse, drohende Gewitterfront.“ Lori Schneider kann diesen Eindruck bestätigen. „MS ist immer da, aber es ist unsere Wahrnehmung, die den Unterschied ausmacht.“ Sie habe das Gefühl, dass ihre MS in einer kleinen Box in ihrem Kopf lebe. Hin und wieder werde sie daran erinnert, aber dann vergesse sie es wieder und das Leben gehe weiter. Es werde immer da sein, aber „ich muss nicht immer darüber nachdenken“.

Anzeige
Next article