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Multiple Sklerose

Grosse Fortschritte in der MS-Behandlung

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Bei der Behandlung von MS seien in den letzten Jahren markante Verbesserungen erzielt worden, sagt der Neurologe Prof. Dr. Adam Czaplinski.

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Prof. Dr. med. Adam Czaplinski

Neurologie FMH Neurozentrum Bellevue

Wie wichtig ist die möglichst frühzeitige Erkennung von Multipler Sklerose (MS)?

Prof. Dr. Adam Czaplinski: Sehr wichtig. Studien deuten darauf hin, dass eine frühe Behandlung sowohl körperliche als auch kognitive Einschränkungen vermindern kann. Die Tatsache, dass sich das Bild der Multiplen Sklerose in den letzten 10-15 Jahren geändert hat, verdanken wir meines Erachtens vor allem einer Sensibilisierung auf die mögliche Erstsymptomatik – und dadurch einer frühen Diagnosestellung – sowie einem frühen Einsatz der Therapie.

MS zeichnet sich in vielen Fällen durch Krankheitsschübe aus. Ist in einer solchen Phase eine spezielle Therapie angezeigt?

Ja, obwohl gelegentlich die Meinung vertreten wird, dass ein leichter Schub nicht zwingend behandelt werden muss, bin ich persönlich der Auffassung, dass alle Schübe, auch die vermeintlich leichten mit z. B. nur einer sensiblen Störung, konsequent über drei bis fünf Tage mit Cortison behandelt werden sollten. Bei meinen Patienten habe ich mit dieser Nulltoleranz-Strategie bei MS-Krankheitsschüben ausschliesslich gute Erfahrungen gemacht.

Wie sieht es eigentlich an der „Medikamentenfront“ aktuell aus? Gibt es für gewisse MS-Patientengruppen einen Hoffnungsschimmer, oder geht es nur um die Linderung von Symptomen?

Diese Medikamentenfront hat sich in den letzten 10-15 Jahren grundlegend verändert. Aktuell stehen uns über ein Dutzend Substanzen zur Verfügung, wobei vor allem in den letzten drei bis vier Jahren von einem richtigen Durchbruch in der Behandlung gesprochen werden kann. Auch wenn die Krankheit heute noch nicht als heilbar bezeichnet werden kann, ermöglichen die neuen Medikamente eine Reduktion der sogenannten Schubrate um bis zu 60-70 Prozent.

Lässt sich das Fortschreiten von MS verhindern?

Auch das von den Patienten befürchtete Fortschreiten der Erkrankung kann verlangsamt oder reduziert werden. Diese hochwirksame und meist auch gut verträgliche Therapie hat das Leben vieler MS-Patienten geändert. Ich wage sogar die Meinung, dass heutzutage die Diagnose einer MS nicht als “Urteil” angesehen werden muss. Die meisten neudiagnostizierten MS-Patienten führen heute ein ganz normales familiäres, berufliches und soziales Leben ohne signifikante Einschränkungen. Da wir aber wie erwähnt die Krankheit nicht heilen können, sind sie nach dem heutigen Wissensstand auf eine lebenslange regelmässige Medikamenten-Einnahme angewiesen.

Sind neue Medikamente in Sicht?

Letztes Jahr wurde ein wirksames Medikament gegen die seltenere Form der Multiplen Sklerose (sog. primär progrediente MS) zugelassen. Wir sammeln derzeit erste praktische Erfahrungen mit dieser Substanz. Voraussichtlich dieses Jahr wird auch ein erstes Medikament gegen eine andere Phase der Krankheit zugelassen: sekundär progrediente MS. Viele MS-Betroffene warten darauf schon seit Jahren.

Wie sieht der Stand der Dinge bei der Stammzellentransplantation aus?

Bei der autologen Stammzellentransplantation (aHSCT) werden Stammzellen einer betroffenen Person entnommen. Alle MS- Medikamente müssen im Voraus abgesetzt werden, und die Patienten erhalten starke immunosuppressive Medikation. Nachdem die bei MS-Patienten nicht korrekt arbeitenden Immunzellen durch diese sog. Immunosuppression grösstenteils zerstört wurden, werden den Patienten die entnommenen Stammzellen wieder injiziert. Danach wird das Immunsystem vom Körper neu aufgebaut. Die aHSCT ist keine neue Therapie im eigentlichen Sinne, wird aber in Fachkreisen zurzeit intensiv diskutiert. In einigen Ländern wie auch in der Schweiz ist sie zur Behandlung von MS bereits zugelassen. Aufgrund der Risiken bleibt diese Therapie allerdings Menschen unter 45 Jahren mit einem aggressiven, schubförmigen Verlauf vorbehalten.

Neue, auf eine bestimmte Krankheit spezialisierte Zentren stehen heute hoch im Kurs. Wie verläuft diesbezüglich die Entwicklung bei den Neurologen?

Die sogenannte Therapeutische Landschaft mit Fokus auf die  individuelle Behandlung eines Krankheitsbildes wird in der Tat immer komplexer und macht auch vor der Neurologie nicht halt. Hier können Patienten in einem spezialisierten Zentrum (z. B. einem MS Zentrum) behandelt werden, dessen Mitarbeitende sich durch grosse persönliche Erfahrung auch im Umgang mit laufend neuen Substanzklassen auszeichnen. Von der Diagnosestellung bis zur Wahl und Durchführung der optimalen Therapie befinden sich die Patienten in spezialisierten Händen. In diesen Zentren arbeiten ausser Neurologen auch MS Nurses, Ernährungsberater, Therapeutinnen und z. B. Sozialarbeiter zusammen. Dieser interdisziplinäre Approach ermöglicht eine personalisierte Herangehensweise und eine “massgeschneiderte” Therapie und Betreuung.

Ist die Therapiewahl bei MS immer eine individuelle?

Die Wahl des Präparats richtet sich gemäss den Leitlinien nach dem Grad der Krankheitsaktivität sowie den individuellen Bedürfnissen des Patienten. Die Vielzahl an Therapieoptionen ermöglicht es Neurologen heute, noch stärker auf die persönliche Situation der Patienten eingehen zu können. Das Ziel bei der Behandlung ist sicher ambitiöser geworden. Man kann es vielleicht so sagen: Der Patient soll möglichst frei von Krankheit und von den Nebenwirkungen der eingesetzten Therapie sein. Mit einem frühzeitigen Therapiebeginn und einer passenden Medikation kommt man diesem Ziel am nächsten.

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