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Multiple Sklerose

Neue Therapiemöglichkeiten bei MS

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Die Arzneimittelentwicklung zur Behandlung von MS schreitet stetig voran. Daraus ergeben sich neue Therapiemöglichkeiten, die immer besser an den individuellen Krankheitsverlauf angepasst sind. Nichtsdestotrotz ist noch viel MS-Forschung nötig.

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Prof. Tobias Derfuss

Leitender Arzt, Leiter der Poliklinik Universitätsspital Basel 

Prof. Derfuss, aus welchen Therapieformen setzt sich die MS-Behandlung zusammen?

Es werden drei Therapieformen unterschieden: Eine davon ist die Schubbehandlung – also die Therapie der akuten neurologischen Verschlechterung. Dabei werden über einen kurzen Zeitraum hochdosierte Steroide in Form von Kortison verabreicht. Wirkt das Kortison nicht, kann eine Blutwäsche bzw. Plasmapherese helfen. Die zweite Säule bildet die dauerhafte prophylaktische Therapie.

Sie soll die Entzündungen im Gehirn reduzieren und somit Schübe verhindern.

Dafür gibt es verschiedene Arten von Medikamenten, die auf verschiedene Aspekte des Immunsystems einwirken.

Die dritte Säule setzt sich aus symptomatischen Therapien zusammen. Diese beeinflussen nicht den Krankheitsverlauf, sondern sollen einzelne Symptome oder Körperfunktionen verbessern.

Welche Durchbrüche gibt es bei der prophylaktischen Basistherapie zu verzeichnen?

In den letzten Jahren sind verschiedene neue Multiple-Sklerose-Medikamente auf den Markt gekommen. Blockierende Antikörper wie etwa das Natalizumab verhindern, dass Immunzellen die Blut-Hirnschranke überwinden und im Gehirn Entzündungsvorgänge auslösen. Dann gibt es noch sogenannte depletierende Antikörper wie beispielsweise das Alemtuzumab.

Sie zerstören bestimmte Immunzellen, die für den schädigenden Entzündungsverlauf bei MS verantwortlich sind. Ein weiterer neuer Wirkstoff ist das Ocrelizumab, das sowohl bei schubförmiger MS als auch bei der primär progredienten Verlaufsform angewendet werden kann.

In der Schweiz wurde zudem kürzlich der Wirkstoff Cladribin zugelassen. Das Medikament zerstört T- und B-Lymphozyten, die massgeblich am Krankheitsgeschehen beteiligt sind.

Worin unterscheidet sich Cladribin von den anderen Behandlungsoptionen?

Das Medikament gewährt Patienten mehr Therapiefreiheit, da es nicht kontinuierlich, sondern nur an wenigen Tagen im Jahr eingenommen werden muss, ähnlich wie Ocrelizumab und Alemtuzumab. Die orale Einnahme der Cladribin-Tabletten kann zuhause in zwei kurzen Zyklen innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren erfolgen.

Bei Bedarf kann die Behandlung später wiederholt werden. Die Wirksamkeit ist relativ langanhaltend. Verträglichkeitsprobleme sind bei diesem Medikament gering, da man es nur für kurze Zeit einnehmen muss.

An Nebenwirkungen ist bisher lediglich eine leicht erhöhte Infektanfälligkeit bekannt.

Welche Patienten können von diesem neuen Wirkstoff profitieren?

Cladribine ist zugelassen für Patienten mit hochaktiver schubförmiger Multipler Sklerose. Das sind zum Beispiel Patienten, die mehrere Schübe jährlich haben. Genauere Informationen dazu werden der Spezialitätenliste (SL) des Bundesamts für Gesundheit zu entnehmen sein, sobald das Medikament darin aufgenommen wurde.

Welches sind die aktuellen Herausforderungen der MS-Forschung?

Noch ist nicht klar, was MS auslöst. Wären diese Faktoren bekannt, liessen sich vielleicht auch prophylaktische Massnahmen ergreifen, damit die Krankheit erst gar nicht ausbricht. Die aktuellen Forschungsbemühungen gehen in diese Richtung: Man will Faktoren identifizieren, die das Risiko der Erkrankung reduzieren.

Ein weiterer Forschungsstrang beschäftigt sich damit, die Behandlung künftig noch besser auf die individuelle Verlaufsform abzustimmen. So versucht man beispielsweise, im Blut und im Nervenwasser des Patienten sogenannte Biomarker zu finden, die Auskunft darüber geben, ob die Person auf ein bestimmtes Medikament besser anspricht als auf ein anderes.

Eine weitere Herausforderung wird es sein, Therapien zu entwickeln, die zur Remyelinisierung von kaputten Myelinscheiden beitragen und den Reparaturprozess der Nervenzellen verbessern.

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